Sexuelle Phantasien spielen sich im Kopf ab.
Dort entstehen Bilder, Dialoge und Stimmungen.
In professionellen Domina-Studios werden sie Wirklichkeit. Gegen Bezahlung.

Hamburg, Herbertstraße, Hinterhof. Eine Fensterreihe.
Sitzende Frauen ein wenig über Augenhöhe der Passanten.
Blicke treffen sich. Es sind die Blicke einer Frau und eines Mannes.
Sie ist Domina, Herrin, Prostituierte - er ist Masochist, Sklave, Freier...


Die Fenster zur Seele

- Schmerz und Lust im Spiegel der Augen -

erzählt die Geschichte zweier Behandlungen in einem kommerziellen Domina-Studio: Sie verfolgt Blicke und Gespräche und zeigt, wie sich Phantasie und Wirklichkeit unterscheiden. Der Film berührt natürlich Grenzen, aber er zeigt oft nur die Augen und die Gesichter. Er kommt fast ohne Utensilien am Körper und ganz ohne Aktionen an Genitalien aus. Er ist nicht im geringsten pornographisch. Er zeigt nicht vordergründig die Ketten. Denn der Film beschäftigt sich mit den Menschen und nicht mit dem Material. Mit den Augen – und nicht mit der Peitsche. Diese Dokumentation fragt nicht in erster Linie: Was passiert am Körper – sie sucht die Antwort auf die Frage: Was passiert im Kopf?


Exposé

Die ‚Fenster zur Seele‘ spielt in der Wirklichkeit. Darsteller und Schauspieler würden in diesem Filmprojekt keinen Sinn machen. Alle Menschen und Worte, Handlungen und Orte sind real. Zwei Dominas betreuen in der Hamburger Herbertstraße seit 20 bzw. 15 Jahren ihren Stammkundenkreis. Zum Inventar gehört ebenso ein Haussklave. Dieses Studio – der Koberraum, der Salon, das Kabinett – ist einziger Ort der Handlung.

Sie beginnt mit einem Blickkontakt zwischen Mann und Frau. Ob sie sich kennen oder nicht, erfährt der Zuschauer aus ihren Blicken. Er wird aus ihrem Verhalten, erst später aus ihrem Gespräch erfahren, wie gut sie sich schon kennen oder wie Kennenlernen in den Gesichtern passiert. Wer schaut wohin - wenn er spricht, wenn sie spricht, wenn einer von den beiden den Vorstellungen von einer Behandlung zuhört. Was sagen ihrer beider Augen, was hören sie. Wer bestimmt die Situation. All diese Fragen können in Bildern beantwortet werden.
Jetzt schon ist der wesentliche Konflikt dieses Stoffes deutlich: Wer – letzten Endes - bestimmt, wie die Behandlung in einem Domina-Studio abläuft? Noch glaubt man, es ist der Gast, denn er äußert seine Wünsche. Er sagt, was er will. Schließlich ist es ein klares Verhältnis: der Kunde ist König. Er zahlt, damit seine Wünsche erfüllt werden, seien sie auch noch so devot. Aber: Jede Phantasie weicht bei ihrer Verwirklichung von der ursprünglichen Vorstellung ab. Eine hundertprozentige Übereinstimmung von Wunsch und Wirklichkeit gibt es nicht.

Darin besteht der besondere Reiz: Würden Wünsche und Vorstellungen exakt so nachgespielt, wie sie beschrieben wurden, wüssten beide schon, was bei jeder Behandlung passiert. Damit wäre einem auf devoten und dominanten Erwartungen beruhenden Spiel jegliche Spannung genommen. Der Reiz einer Behandlung liegt eben darin, dass die entwickelten Phantasien nicht eins zu eins übertragbar sind. Und das ist die eigentliche Erwartung des Kunden. Die beherrschende Macht der Domina – sie soll in der Lage sein, eine Steigerung der Phantasien zu verwirklichen. Sie soll den Wunsch nicht nur erfüllen, sondern den Kick liefern – dafür liefert sich der Gast ihr aus. Seine Wünsche spielen jetzt vermeintlich keine Rolle mehr. Denn die agierende und kontrollierende Person während der Behandlung ist die Domina. Hat der Kunde immer noch den Status des Königs oder ist er nur noch Sklave? Wie subtil sind die Rollenwechsel?

Diese emotionalen Balanceakte spiegelt sich in den Augen. Aus ihnen sprechen all die widersprüchlichen Empfindungen wie Furcht und Freude, Nähe und Distanz sprechen. An den Augen werden die Phantasien überprüft. Sie drücken Anspannung und Entspannung aus. Und sie verraten das Wesentliche der Dominanz und der Demut: Verachtung und Bewunderung, Leidenschaft für Herrschaft und Ergebenheit, Schmerz und Lust, Hass und Liebe, aber auch – und damit kurz zurück ins Vokabular der sexuellen Dienstleistung – Professionalität gegen Obsession, Routine gegen Reize, Wunschwelt gegen Wirklichkeit. "Die Fenster zur Seele" zeigt, was die Augen neben den Worten zu sagen haben.


Hintergrund

Einer Untersuchung über die Ursachen des allgemein steigenden Interesses an sadomasochistischen Rollenspielen entstammen folgende Thesen:

  • Übersättigung durch das massenhafte mediale und kommerzielle Sex-Angebot

  • Langeweile, Neugier oder das Bedürfnis nach Abwechslung in sexuell stagnierenden Beziehungen.

  • verstärkt seit Mitte der achtziger Jahre Angst vor durch Sexualkontakt übertragene Krankheiten.

  • Verarbeitung frühkindlicher Erfahrungen.

  • Abbau kriminogener oder pathogener Vorstellungen.

Gemeinsam ist diesen Thesen der Ursprung in individuellen Motiven. So werden die Phantasien zum Ausdruck ureigener Vorstellungen – vielfältig, für Außenstehende nicht nachvollziehbar, nicht in Bahnen zu lenken oder in Schubladen zu fassen. Es mangelt an Erklärung. Gummi-, Leder- und Lackfetischismus sind unzureichende Modebegriffe. Schlagworte wie Flagellantismus, Algolagnie oder Pygophilie beschreiben unverständlich verwissenschaftlicht nur die Art der Neigung. Sadismus und Masochismus teilen nur auf in aktive und passive Menschen. Keines dieser Worte vermag zu erklären, sie können nur beschreiben und unzulänglich kategorisieren. So bleibt in allen Beschreibungen und Erzählungen zu diesem Thema - auch im filmischen Bereich - eine Frage offen: Was fordert die Phantasie?

Beweggründe für die filmische Umsetzung: Mimik und Gestik eines Menschen verraten seinem Gegenüber, was über das Gesagte hinaus in ihm vorgeht – die Augen sind eben die Fenster zur Seele. Die Reportage will also möglichst viel von dem transportieren, was offensichtlich das Wesentliche eines sexuell extremen Erlebnisses ausmacht: Sie schaut zu bei der Erörterung von Phantasien und deren Umsetzung zwischen devoten und dominanten Menschen.

Es geht darum, als Zuschauer nachzuvollziehen, was im emotionalen Spannungsfeld zwischen Bitte um Verwirklichung einer Phantasie und dem Zustand vor, bei und nach der Erfüllung dieses Wunsches in den Protagonisten vorgeht – immer gegenwärtig, eine prostituierende Dienstleistung zu verfolgen.


Filmische Umsetzung

Die Reportage "Die Fenster zur Seele" besteht aus den folgenden vier Elementen:

1. Blickkontakte  2. Gespräche  3. Phantasien  4. Behandlungen

Hamburg, Herbertstraße, Hinterhof. Eine Fensterreihe. Frauen ein wenig über Augenhöhe der Passanten. Die ersten Blicke treffen sich. Es sind die Blicke einer Frau und die eines Mannes. Sie ist Domina, Herrin, Prostituierte. Er ist Masochist, Sklave, Freier. Beide kennen sich schon lange und gut – das verraten Ihre Blicke.

Wieder treffen sich Blicke. Diesmal kennen die beiden sich nicht. Doch wer hierher kommt, weiß, welche Blicke er sucht und wer hier wartet, weiß, in den Blicken zu lesen.


Auf diesen zwei unterschiedlichen Personenkonstellationen beruht die Erzählung der Reportage. Zwei Dominas treffen Kunden: Die eine ihren langjährigen Sklaven. Die andere einen Masochisten, den sie heute zum ersten Mal sieht. Die Auswahl der Protagonisten ist natürlich durch die vorab zu klärende Bereitschaft zur Mitwirkung an einem Film eingeschränkt. Dennoch kann das Augenspiel zweier Menschen, die zwar um den Hintergrund wissen, sich aber tatsächlich zum ersten Mal sehen, Bände sprechen. Selbst wenn sie langjährige Domina ist und er seinen Neigungen jahrelang woanders nachging, werden sie vielleicht noch ohne Worte, aber gewiss nicht ohne Blicke wissen können, wie sie miteinander umzugehen haben. Kobern heißt es, wenn eine Hure einen neuen Freier gewinnen will.

Vertraut wird das Gespräch zwischen dem bekannten Paar sein. Die gewählte Bildsprache für das Element Blickkontakte wird dieser Nähe und Intimität entsprechen. Sehr schnell führt die Kamera mit großen Einstellungen den Zuschauer in die Gesichtsausdrücke der Protagonisten. Ebenso schnell kommen sich die beiden Unbekannten näher, denn auch hier gilt: Wenn das Grundsätzliche klar ist, ist Zeit Geld.

 


Der Gast ist aktiv, spricht Wünsche aus – die Domina hört zu, nimmt die Wünsche auf. Aber schon während des Gesprächs deuten sie ihren Rollentausch an. Beide Gäste wollen in der Behandlung zu erduldenden, Befehle entgegennehmenden Personen werden. Die Dominas sollen zu handelnden, Befehle erteilenden Personen werden. Hier nähern wir uns dem wesentlichen Konflikt des Themas: Wer denn nun wirklich den Verlauf einer Behandlung bestimmt. Welches Klischee wirkt stärker? - Das der dominanten Herrin oder das des königlichen Kunden.

1. Personenkonstellation: Gast und Domina
haben einander noch unbekannte Phantasien
2. Personenkonstellation: Gast und Domina
haben einander schon bekannte Phantasien

Hier wird es darum gehen, dass der Gast der Domina seine Neigungen erklärt, ihr eine Vorstellung von der gewünschten Behandlung vermittelt. Er muss den Mut finden oder von ihr dazu ermuntert werden, sich und seine Phantasien zu offenbaren.................................

Die verbale Beschreibung der in einer Behandlung zu realisierenden Phantasien wird in der bislang gewählten ersten Bildsprache großer und Detail-Einstellungen der Gesichter und Augen fortgeführt.

Es ist aber notwendig, um die Regungen im Gesichtsfeld richtig und eindeutig zu interpretieren, die beschriebenen Vorstellungen in einer zweiten Bildsprache zu inszenieren,...............

 

 

 

 

...während es in dieser Konstellation darum gehen wird, trotz des vertrauten Umgangs miteinander eine für beide neue und reizvolle Erweiterung der bisherigen Erlebnisse zu finden.

 



...die auch in dieser Konstellation eingesetzt wird, um die Rollen, die durch die Kenntnis der Phantasien vielleicht schon routiniert wirken, eindeutiger zu definieren.


Zwei Bildsprachen

Die Gespräche bilden nach den Blickkontakten das zweite Element der Geschichte – beide Elemente sind in einer wirklichkeitsgetreuen Bildsprache ohne Verfremdungen und Effekte gedreht.

Im dritten Element Phantasien sollen die in den Gesprächen erörterten Phantasien in einer zweite Bildsprache umgesetzt werden. Hier verwenden wir neben einer anderen Kamera andere Einstellungsgrößen, andere Perspektiven, anderes Licht, andere Kamerabewegungen. Dafür gibt es Gründe außerhalb visueller Abwechslung und Attraktivität. Denn wir befinden uns mit der optischen Begleitung nicht mehr in der Wirklichkeit, wir lassen uns Vorstellungen, Wünsche und Phantasien erzählen und wollen sie in Bilder umsetzen. 

 


Die Ideen zur Wahl der Kameraperspektive, der Einstellungsgrößen und der Lichtgestaltung bei der Aufnahme in der zweiten Bildsprache werden bei der Nachbearbeitung weiterentwickelt. Durch Bewegungen verwischende, Taumel und Trance assoziierende Bild-in-Bild-Blenden entsteht eine zweite Ebene innerhalb des Films. Der Zuschauer soll den Eindruck gewinnen, er sei in diesen Bildern gefangen. Der Verzicht auf totale Einstellungsgrößen, die räumlich-orientierende Wirkung hätten oder gedankliche Ausstiege ermöglichten, folgt diesem Ziel.

Kriterien

 

der ersten Bildsprache
entspricht der "Wirklichkeit"

für Dreh der Blickkontakte, Gespräche, Behandlungen

der zweiten Bildsprache
entspricht der "Phantasie"

für Inszenierung der Phantasien

     

Einstellungsgrößen

detail bis groß und total

detail bis halbnah

Brennweiten

keine Brennweitenänderung
geringe Brennweite
große Tiefenschärfe

abrupte Brennweitenänderungen
große Brennweite
geringe Tiefenschärfe

Objektive

wirklichkeitsgetreu

verzerrend

Filter

ohne

 

Perspektive– vertikal

Kopfmitte

starke bis extreme
Unter- und Aufsichten

Perspektive – horizontal

bis max. 45 Grad
zur optischen Achse

auch profilig

Kamerabewegungen

leicht verfolgend, ruhig,
konzentriert auf einen Bildinhalt

schnell verfolgend, korrespondierend,
Bildinhalte verbindend

Licht

normal Key

high Key

Folien

ohne

rot/grün-Gestaltung

Nachbearbeitung

 

Frame-by-Frame-Transition-Effects
Farbkorrekturen


Die Unterscheidung in "wirkliche" und "phantastische" Bildsprache meint in erster Linie die objektive Diskrepanz zwischen Phantasie und Wirklichkeit. Filmische Gestaltung erlaubt, diese Diskrepanz optisch zu kennzeichnen. Im Film werden die in den Gesprächen zwischen Gast und Domina entwickelten Phantasien der beiden Personenkonstellationen in die zweite "phantastische" Bildsprache so getreu dem Gespräch wie möglich umgesetzt – die ausgesprochenen Worte in äquivalente Bilder gefasst, aber als Phantasie und Unwirklichkeit kenntlich gemacht.


Filmische Umsetzung

Die Gespräche mit der Erörterung der Phantasien von der gewünschten Behandlung (gedreht in der ersten Bildsprache) werden immer wieder unterbrochen durch Szenen von der exakten Umsetzung (gedreht und nachbearbeitet entsprechend der zweiten Bildsprache). Erste und zweite Bildsprache wechseln sich ständig ab. Augenpaare blicken sich gleichberechtigt an (erste Bildsprache) – schauen nach unten, erwarten dabei die Erfüllung von Wünschen – – sehen dann nach oben bei der Ausführung des Gewünschten (zweite Bildsprache). Dadurch verdeutlichen die beiden Bildsprachen das Wechselspiel zwischen dem Gast (noch entwickelt er die Vorstellungen; zeigt er sich als machtvoller Käufer sexueller Dienstleistungen) und der Domina (noch ist sie die Phantasien aufnehmende und Wünsche erfüllende Verkäuferin sexueller Dienstleistungen).

Diese Sequenzen bedienen weder das Klischee noch entsprechen sie der Wirklichkeit, aber sie greifen durch die Form der Umsetzung den zentralen Konflikt des Stoffes wieder auf: Wer – letzten Endes – bestimmt? Wann wechseln die Klischees von Kunde und Dienstleisterin zu Sklave und Domina? Logische Folge dieser Besprechung und unwirklichen Abstraktion der Wünsche ist jetzt die tatsächliche Umsetzung der Phantasien. 


Im Film wird das sofort folgen – bei den Aufnahmen geht das nicht – genauso wie es oft in der Wirklichkeit gar nicht gewünscht ist. Die Projektion einer Behandlung kann durch einen zeitlichen Aufschub der wirklichen Umsetzung noch reizvoller werden. Wer einem Glücksgefühl entgegensieht, erwartet sein Eintreten manchmal um so stärker, die Phantasie potenziert sich... In ebendieser Erwartung sollen sich die Protagonisten befinden, wenn sie die bereits entwickelten Phantasien tatsächlich in einer Behandlung umsetzen.

Im vierten Element des Films findet die Behandlung statt. Die Bildsprache kehrt zur ersten "wirklichen" zurück. Wir sehen nicht noch mal das gleiche. Die Inhalte unterscheiden sich, denn der Wunsch des Kunden ist ja, dass die Domina seine Wünsche und Vorstellungen weiterentwickelt, seine Neigungen erkennt, den Reiz bei der wirklichen Umsetzung gegenüber der Phantasie noch steigert. Sonst würde allen ja schon ausreichend damit gedient sein, dass alles nur und ausschließlich im Kopf stattfindet.

Der Zuschauer kann nachvollziehen, wie sich Phantasie und Wirklichkeit unterscheiden. Er wird anhand des Films überprüfen können, welchen Motiven die Protagonisten ausgesetzt sind und welchen sie sich im Laufe des Films aussetzen wollen. Und er wird erkennen, welchen Regeln sich die Protagonisten während der verschiedenen Elemente der Reportage unterwerfen – beide. Denn eines haben sie trotz der unterschiedlichen Rollen in jedem Stadium gemeinsam: Respekt vor den Grenzen der Phantasie. Denn beide wissen, dass sie ihre Neigungen in einem größeren Kontext als dem des Domina-Studios kaum ausleben können.


©2000      watch and tell - filmproduktion